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Von Schultüten und vom Mutigsein

von Edda

Am Montag ist mein erster Schultag, sage ich zu den vielen Kindern, die sich im Wohnzimmer rumdrücken und alle behaupten, sie gehören irgendwie zu mir. Wieso müssen denn Große nochmal zur Schule gehen, fragt Elly. Bist Du dann trotzdem hier, wenn wir aus unserer Schule heimkommen? will Beanie wissen. Ich bleib dann stattdessen daheim, denn einer muss hier aufpassen und da kann ich dann ja nicht auch noch in die blöde Schule gehe, bietet sich Dark Vader total selbstlos an. Weil sie es sich aussuchen, Nein und Nein, sage ich. Wer geht schon freiwillig in die Schule, seufzt der Große, wenn man mich fragen würde, ginge ich da nie wieder hin. Dich fragt aber unglücklichweise keiner, mich aber schon und ich wollte da gerne nochmal hin. Bist Du aufgeregt? Bei Dark Vader's Frage wird es im Wohnzimmer ganz still, was viel heißen will, denn selbst das Baby wühlt sich aus der Legokiste, in der es bis eben gerade kopfüber gesteckt hat. Ja, sage ich, mir geht es genau wie Euch am ersten Schultag hier in Australien. Ich kenne die Leute nicht, weiß nicht, wo das Klo ist und mache mir Sorgen, wer neben mir in der Mittagspause sitzen will und was die anderen so zum Essen mithaben. Ob die mich doof finden und ob ich das da überhaupt verstehe. Ob ich beim Reden ständig Fehler mache und blöde Sachen sage. So Zeug. Und was lernst Du da? Dark Vader hat die innere Sherlock Holmes Mütze aufgesetzt und will es jetzt doch genauer wissen. Ich will Hebamme werden, sage ich viel selbstbewusster als ich mich eigentlich fühle, das sind die Leute, die Familien dabei begleiten, wenn sie Kinder bekommen. Ach so, Elly findet das Gespräch schon jetzt langweilig, dann red doch mal mit dem Papa, der kann das schon alles. Werd doch lieber Astronaut - das ist spannend! Ich kann nichts, murmelt der Ire, der mit dem Kopf in einer Tonne Kabel steckt und versucht, unserem ständig schnarchlangsamen Internet Feuer unter dem Drahthintern zu machen. Doch, Papa, du hast doch das Baby zur Welt gebracht und das könntest du der Mama jetzt erklären, dann muss sie nicht zur Schule, sondern ist hier und kann Waffeln machen oder surfen gehen. Der Ire steckt den Kopf aus den Kabeln und erläutert, dass er keine Babies zur Welt gebracht habe, sondern nur mit schreckgeweiteten Augen dabeigestanden hätte. Den Rest hat Mama gemacht, meint er, und Oma hat hinterher das Sofa geschrubbt. Außerdem könne auch er Waffeln machen und man solle doch jetzt bitte aufhören an den Kabeln zu ziehen.

Am Montag morgen stehe ich um 5 Uhr auf, mache Frühstück, befülle 6 (in Worten: sechs) diverse Tupperboxen für lunch und snack und morning tea und crunch&sip und was weiß ich, während ich mich mal wieder frage, ob diese Kinder in der Schule auch irgendwas anderes machen als Essenspausen. Auf meinem Platz liegt eine Tüte mit Lemon Sherbets. Darauf klebt ein Post-it mit meinem Portrait und den Worten "Super-Edda". Lemon Sherbets sind Beanies Geheimwaffe gegen alle Unwägbarkeiten des Alltag. Im Geheimen glaube ich, dass er sie deswegen so mag, weil sie die Lieblingssüßigkeiten von Albus Dumbledore sind und der Große denkt, dass er bei härtnäckigem Verzehr ein ähnliches Maß an Weisheit und Können erlangen wird. Und diese Lemon Sherbets sind jetzt meine Schultüte auf dem Weg zurück zur Schulbank. Mit einer Tonne voller Backsteine im Bauch gehe ich um 6 Uhr aus dem Haus. Draußen kreischen die wilden Papageien und auf den Straßen sieht man die frühaufsteher-freundlichen Menschen vor den brutalen Staus von Sydney herfahren. Ich kann das Meer hören und rieche diese ganze wilde Fauna von Australien. Jetzt geht es also mal wieder los.

Meine Definition von Komfortzone ist deutlich großflächiger als das Haus, in dem wir gerade wohnen, aber in einem fremden Land unter eher anstrengenden Umständen jetzt auch noch an die Uni zu gehen, ist selbst in meiner Lebenswelt eine Herausforderung. Und während ich Colin Meloy und den Decemberists zuhöre denke ich daran, dass ich meinen Kindern immer sage, man solle mutig und kühn sein. Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Bereitschaft, etwas trotz genau dieser Angst zu versuchen. Kommt schon, rufe ich regelmäßig und: Auf geht's! Ich bin im Leben schon oft gescheitert und das nie so glamourös, wie man es in Filmen sieht, sondern eher so wie mit dem Gesicht nach unten zehn Meter über den Asphalt geschleift. Ich könnte es auch lassen, denke ich beim ersten kleinen Stau. Umdrehen, heimfahren und so tun, als hätte keiner was gesagt. Aber ich denke an Beanie, den Sozialphobiker, der jeden Tag in die Schule geht, seinen Samurai-Haarknoten verteidigt und sich auf dem überfüllten Schulhof durchsetzt. Ich denke an das Baby, das mit verletztem Arm nach Australien eingewandert ist und jetzt mit wehendem Haar bestimmt wieder den Balkon entlangstampft und mit dem Windrädchen nach einer Brise sucht. An Elly, der solche Angst vor der Krippe hat und trotzdem immer wieder hingeht, weil er findet, man könne es ja nochmal versuchen. An den Iren, der sich vor seine Studenten hinstellt, als würde es keine Selbstzweifel geben. Und an Dark Vader, die oft verloren und einsam ist und trotzdem dem Leben das Laserschwert entgegenhält. 

Also fahre ich weiter. Und weiter. Meinem ersten Schultag entgegen mit den Lemon Sherbets oben auf meiner Tasche.

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