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Von Koffern und Kindern

von Edda

Mama, erzähl nochmal die Geschichte, wie du mit einem Koffer in die Schweiz gekommen bist und in dem stinkigen Haus neben dem Kirchturm gewohnt hast und dann jede Stunde die Kirchenglocken geläutet haben und du wolltest immer den Kirchturm sprengen. Erzähl das nochmal!

Also, ich bin vor etwas über zehn Jahren in die Schweiz gekommen und kannte die bis dahin überhaupt nicht. Ich dachte einfach, dass man da auch mal wohnen könnte. Angekommen bin ich mit Liebeskummer und tatsächlich nur einem roten Koffer. Und gewohnt habe ich in einem Haus, das ein bißchen nach Käsefüßen und ziemlich nach Zwiebeln gerochen hat. Das hatte vielleicht damit zu tun, dass da außer mir noch sieben andere Menschen zwischen 12 und 82 Jahren gelebt haben. War das ein Krankenhaus?, will Elly wissen, da sind immer viele Menschen und es stinkt. Nee, sage ich, die haben sich das Haus einfach so geteilt. Und ich hatte noch nie mit irgendwem zusammengewohnt und dachte, dass man das vielleicht mal gemacht haben sollte. Dark Vader hat gepupst, beschwert sich Beanie. Ja, sage ich, so ist das, wenn man mit vielen Leuten zusammenwohnt. Irgendeiner pupst immer und sehr wahrscheinlich steht man genau daneben.

Und dann?, fragt Dark Vader. Dann habe ich den Iren kennengelernt. Und den fandest Du schön!, stellt Elly fest. Ja, erkläre ich, der hatte eine zusammengerollte Zeitung in der Manteltasche und das hat mir gefallen. Und schön finde ich ihn bis heute. Wenn neben ihm jemand gepupst hätte, dann könnte man damit zuhauen, sagt Dark Vader pragmatisch wie immer.

Und dann habt ihr ganz viele Kinder bekommen und trotzdem nie ein Auto gekauft, in das alle gleichzeitig reinpassen. Dark Vader und Hasi sind noch immer damit beschäftigt, sich zusammengerolltes Altpapier zur Pupsabwehr in die Hosentaschen zu stopfen.


Elly allerdings weiß ohnehin schon auswendig, was jetzt kommt und erklärt:

Zuerst kamen die kleinen Mädchen, aber die sind gestorben und liegen jetzt auf dem Friedhof. Auf Friedhöfen soll man keine Reiswaffeln essen und nicht Fußball spielen. Das ist doch aber schade, dass die gestorben sind, findet Dark Vader. Sonst könnte ich mit denen eine Bande gründen. Ja, sage ich, das ist wirklich schrecklich schade.

Und dann kam ich, sagt Beanie. Ich bin zur Welt gekommen, als es mal Pommes in der Kantine gab und der Papa wollte doch lieber erst die Pommes fertig essen. Kann ich auch Pommes?, fragt Elly.
Dann kamen ich und Hasi, sagt Dark Vader. Also, eigentlich kamst nur du, erkläre ich, Hasi haben wir erst später getroffen. Das gefällt Hasi nicht und sie lässt die Ohren hängen. Die Mama meint das nicht so, tröstet Dark Vader, wahrscheinlich haben wir nicht zusammen durchgepasst. Ich bin ohne Lunge geboren, erklärt das Mädchen dem Hasen, der daraufhin ängstlich guckt. Das geht nicht, Doofie! Beanie holt mit dem Ellbogen zum Rundumschlag aus. Jeder hat eine Lunge, sonst ist man sofort tot. Du hast eine Lunge, Schatz, die hat aber nicht richtig funktioniert. Und dann musste ich ganz lange aufgeschnitten werden und ihr hattet alle ganz viel Angst um mich und habt ganz doll geweint? Dark Vader ist begeistert. So ungefähr, sage ich. Dafür ich habe ich jetzt eine cool-o Narbe, Dark Vader kriegt sich fast nicht mehr ein. Und bald eine Tätowierung. Warten wir's ab, finde ich.

Dann kam ich, kräht Elly. Ich bin geboren, weil alle anderen Cornflakes gegessen haben und ich wollte auch. Aber Mama, sagt Dark Vader, wieso ist das so, dass ich auf der Couch keine Süßigkeiten essen darf, aber Babies kriegen darf man da schon. Das liegt daran, Schatz, dass man während der Geburt keine Smarties unter den Kissen versteckt - da macht man andere Sachen. Schreien, meint Beanie. Rumbluten, ergänzt Dark Vader. Du hattest so einen Pfannkuchen dabei, als du zur Welt gekommen bist, der war voll mit Blut und Schmiere, wir haben das genau gesehen, erzählen Beanie und Dark Vader. Kann ich auch mal sehen?, fragt Elly. Nee, sage ich, den Pfannkuchen haben wir weggeschmissen. Schade, findet der Junge mit den Strubbelhaaren, für schlechte Zeiten hätte man den aufheben können.
Jetzt wäre es eigentlich am Baby zu sagen, dass sie danach kam. Aber das Baby sitzt in der leergeräumten Küchenschublade und rollt sich in- und aus der Einbauküche. Wir schauen sie auffordernd an. Sag mal was! Tadaaaaaa MumbbblllPffffrrrr, erklärt sie uns. Genau so war das, erzähle ich den Kindern. Nur der Ire, ich, drei Handtücher und dann Tadaaaa. Als die anderen kamen, war eigentlich schon alles rum und das Baby da. Hhhhnnnngggghghhghg, der kleine Speckmops rumpelt wieder in die Einbau-Versenkung.

Und sonst?, will Dark Vader wissen.


Sonst habe ich gearbeitet und wir sind umgezogen und waren mal sehr glücklich und mal etwas weniger und haben das Nachbarsmädchen getroffen und ein paar echte Arschpfosten und viele Leute, die toll waren - wahrscheinlich also ungefähr so, wie es bei allen anderen Menschen zugeht.

So war das, sage ich. Vor zehn Jahren bin ich mit dem Zug und einem roten Koffer angekommen und am Freitag gehe ich mit dem Zug, dann aber mit sechs Kindern, einem Hasen, einem Iren und gefühlt einer Tonne Zeug.

Und jetzt so?, wollen die Kinder wissen. Was machen wir jetzt? Ich weiß nicht - wenn uns nichts Besseres einfällt: Australien, würde ich sagen. Und dann mal sehen.

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