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Unterwegs / Flims

von Edda

Der Sommer und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Das weiß jeder, der mich auch nur einigermaßen kennt. Der Sommer nicht, weder Parties noch Geburtstage oder Hochzeiten, sowie keine Gelegenheiten, die Menschen eigentlich mit Freuden erfüllen sollten. Wenn im Mai oder Juni die ersten warmen Tage anstehen, werde ich zum Stollentroll und gehe in die innere Emigration.
Dann wird es August und eines Morgens stehe ich auf und das Licht hat sich verändert. Das kann man nicht erklären, aber durchaus fühlen.

Und an genau so einem sonnigen Augustmorgen bin ich heute aufgebrochen, um nach Flims in Graubünden zu reisen. Das hatte erstmal mit zwei Faktoren zu tun: Ich lebe seit 9 Jahren in der Schweiz. Und ich arbeite in fast allen meinen wachen Stunden als Verlagsvertreterin für einen deutschen Verlag. Ich bin also so eine Mischung aus fahrendem Volk, Klinkenputzer und Bücherwurm. Allein in den letzten drei Monaten habe ich im Zuge dessen ungefähr 300-400 fremde Toiletten benutzt, mich mit 200-300 Buchhändlern unterhalten und ca 10-20 mal Busse/Züge/Postautos/Fähren verpasst, denn ich reise ausschliesslich öffentlich.

Dass ich also heute morgen schon beim Aufstehen so abenteuerlich gestimmt war, ist eigentlich bemerkenswert, denn für mich sind Unterwegs-Tage normale Arbeitstage und die Aussicht auf Sonne und Berge hat auf mich ähnliche Auswirkungen wie Weihnachten auf den Grinch.
Und dann bin ich mit meinem umweltversauenden Mitnehm-Kaffee in den Zug gestiegen und Richtung Chur gefahren. Und habe mich schon glücklich gefühlt. Wer mal eine richtig schöne Zugstrecke fahren will, dem sei diese Tour empfohlen - spätestens entlang des Walensees mit seinem türkisen Wasser und steilen baumbewachsenen Bergen ringsherum klappt auch der motivierteste Mensch den Laptop zu und hört lieber Musik.


In Chur musste ich in das Postauto umsteigen, was großartig ist. Busse sind ja bekanntlich nur was für Städter und Nahverkehrsanfänger. Postautos fahren in der Schweiz überall dahin, wo die ausgelatschten Strecken verlassen werden und das wahre Abenteuer beginnt. Tatsächlich beginnt das Abenteuer schon damit, den Abfahrtsort der Postbusse zu ermitteln. Die fahren nämlich nicht zusammen mit den schnöden Bussen und wollen erst mal gefunden werden.
Das Postauto ist aus der Stadt gefahren, durch einen potthässlichen Tunnel und hinterher war ich im Sonnen-Berg-Seen-Paradies. Wäre da nicht der Wanderstock der Rentnerin vor mir im Bus gewesen, der sich mir bei jedem Schlagloch fast ins Nasenloch gebohrt hätte. Da hatte ich allerdings schon den mentalen Tropenhelm auf und war nicht aus der Ruhe zu bringen.
Flims kannte ich noch nicht. Und das ist schon allein aus einem Grund eine Schande: In Flims gibt es nämlich eine wundervolle Buchhandlung/Papeterie.


Ich weiß nicht, wer das kennt - aber manchmal erwischt man den richtigen Tag mit den richtigen Menschen und der richtigen Umgebung und alles ist rund & gut. So war das heute für mich. Ich war in einem zauberhaften Laden, hinter dem jede Menge Geschmack, Abenteuerlust und Mut steht. Und habe Kaffee getrunken in einem Café, das ich nie alleine gefunden hätte (obwohl genau einen halben Meter neben der Hauptstrasse) und in das ich auch eingezogen wäre, wenn man mich gelassen hätte. Und beim Kaffeetrinken habe ich mich über Reisen unterhalten, übers Kinderkriegen, über Kunst, über Zuhause und manchmal auch über Bücher.
An Tagen wie heute ist alles möglich, das Leben ist schön und ich freue mich auf den Herbst.

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