Wenn morgens um 6 Uhr die Surfer über 60 antreten und so langsam die Sonne aufgeht, dann fühle ich mich wie im Urlaub. Oder wie in einem Traum. Es gab ja in den 90er Jahren eine Welle von Liebesromanen, wo sich Frauen in australische Farmer/Surflehrer/Känguru-Bändiger/Buschdoktoren verlieben und denen dann ins Outback/an den Strand/in die Großstadt folgen. Ein paar Jahre und etliche Visa-Reformen später hat Australien noch immer diesen Glam von Aus- und Aufbrechen. Von Abenteuer und der ganz großen Freiheit.

Ist doch wie im Urlaub, oder? versuche ich den mißgelaunten Nachwuchs zu motivieren, der mit hohlen Augen am Frühstückstisch sitzt. Zugegebenermaßen fallen im Minutentakt die Schrauben aus den billigst gekauften Fourth Hand Stühlen und wir haben nicht genug Geschirr, weswegen der Ire heute auf Paw Patrol-Plastikteller ausweichen musste. Klar - entgegnet mir Beanie und wühlt lustlos in seinem Müsli (ach nee, das heißt ja jetzt Overnight Oats) - du musst ja nicht mit stinkenden Füßen zur Schule. Die Schuluniform und insbesondere das geschlossene Schuhwerk sorgen bei 35 Grad für Aufstände in unserem Haushalt. Meine Füsse riechen schon in der ersten Pause schlimmer als die Vegemite-Sandwiches der Anderen, ergänzt er. "I come from a land down under .... lalala ... rolling thunder ... she gave me a vegemite sandwich" der Ire und ich trällern Men At Work vor uns hin, was Beanie mit Augenrollen kommentiert. Dark Vader ist still und mümmelt unter schwarzen Augenringen an ihrem Toast.

 

Das australische Schuljahr ist ein paar Tage alt und Dark Vader ins erste Schuljahr gestartet. In der Schweiz sind wir mitten im Schuljahr ausgestiegen, hier aber mussten wir entscheiden, ob wir sie nochmal in den Kindy schicken oder aber das erste Schuljahr beginnen lassen sollen. Der erste Schultage war schon nicht einfach für den größten Ringkämpfer unserer Reihen - und seitdem wird das Kind still und stiller. Als ich nachts aufwache, höre ich sie im Zimmer rumoren. Was machst Du, Schatz? Ich übe lesen, sagt sie und hält den leuchtenden Po von Peppa Pig fest auf die Buchseiten gerichtet. Üb lieber schlafen, sage ich. Ich kann es nicht, Mama, flüstert es aus der Dunkelheit und um mein Herz schließt sich die Eisenkralle. Da stimmt was nicht, sage ich zum Iren. Wir hatten mit Startschwierigkeiten bei Beanie gerechnet, der derzeit aber stoisch mit entschlossener Miene jeden Morgen antritt und bei mittaglichen Piesackereien durch andere Schüler nur mit den Schultern zuckt: Flachpfeifen, eben. Aber Dark Vader, die Weltherrscherin und größter Piratenkapitän ever? Alles gut, Vaderchen? schmeiße ich mich genauso unauffällig an sie ran, wie es besorgte Mütter eben können. Gar nicht, also. Hm, sagt das Kind, dreht sich um und geht. Hasi liegt über ihrer Schulter und schaut mich besorgt an. Was ist denn mit Dark Vader, frage ich Beanie? Wir dürfen nicht zusammen Mittagspause machen, weil die Kleinen irgendwo anders sind. Ich wollte über den Zaun klettern, aber die haben gesagt, dass man das nicht darf, erklärt mein Sohn knapp. Bescheuert, wie lange muss ich nochmal in die Schule? Was man mit der Zeit alles Sinnvolles machen könnte, echt!! Ah, sage ich und frage mich, was man denn sonst so noch alles nicht mitbekommt. Ich glaube, die ist nicht glücklich, sagt Beanie, geht und lässt mich mit einem Vegemite Glas-großen Knoten im Bauch zurück. Und Vegemite gibt es immerhin in 1 kg Gläsern!

 

Vaderchen? Ich gehe in die Konfrontation. Und, Schule und so? Wieso zahlt einem die Krankenkasse als Elternteil keine Schulung in Gesprächsführung und Krisenmanagment? Informationen aus Kindern zu extrahieren ist ungefähr so, als wollte man eine flüchtende Kuh auf Speed melken.
Hm hm, flüstert Vader und schaut mich mit ihren Meeraugen an. Ich muss daran denken, wie sie Fahrrad fahren gelernt hat, an ihre Stürze und Triumphe. Als ich sie mit einem Jahr in den OP geschoben und fast einen ganzen Tag später vollständig verkabelt auf der Intensivstation wiedergesehen habe. An den australischen Maxi, ihre ganz große Liebe und wie er sie nach dem Ende der gemeinsamen Zeit nicht mehr angeschaut hat. Dass ich ihr bei ihrer Geburt viel versprochen habe und nicht gedenke, diese Versprechen zu brechen. Ich nehme das Kind auf den Arm und spüre, wie sie sich um mich wickelt. Schatz, mein Supermancape ist nicht im Karton - es ist hier. Und jetzt nehme ich es vom Haken, falls wir einen Haken hätte. Der aber wiederum ist im Karton. Egal, ich nehme es und wir finden raus, was hier komisch ist.

 

Zwei Tage später ist der erste Elternabend und mein Bauchknoten und ich gehen gemeinsam Hand in Hand hin. Nach einer motivierten Ansprache der Schulleitung verteilen sich die Eltern auf die Klassenzimmer. In Dark Vaders Klassenzimmer liegen die Arbeitsblätter und Arbeitsproben der Kinder aus und die stolzen Eltern können schauen, wie toll der Nachwuchs schon zählen und schreiben kann. Ich als alter Schulhasser kriege Pickel beim Gedanken ans Betreten eines Klassenzimmers und wühle mich so halbherzig durch den Papierwald. Dark Vaders Arbeitsblätter sind leer. Oder fast. Zittrige Buchstaben und Zahlen fliegen über die Seiten. An der Wand hängen selbstgemalte, bunte Plakate mit Zahlen über das jeweilige Kind. Ein Plakat ist fast leer und ganz weiß. Wie ist es möglich, dass ein Kind, das fast magnetisch von weißen Flächen angezogen wird, ausgerechnet diese Möglichkeit ausgelassen hat? Ich warte auf das Ende dieser unsäglichen Veranstaltung und spreche die Lehrerin an. Ja, Dark Vader sei sehr still, durchscheinend - aber sie sei doch vorher schon zur Schule gegangen, richtig? Ich denke an die verkabelte Mini-Dark Vader und ihre winzige Hand in meiner. Daran, dass ich ihr damals geschworen habe, was auch immer getan werden muss, ich werde es tun. Und sage zur Lehrerin, dass hier irgendwas falsch laufe.

 

Was sich in den nächsten 24 Stunden vollzieht sind Details und nebensächlich. Etliche Papiere und Telefonate später startet Dark Vader einen Tag danach im Kindergarten. Zum Start malt ihr Beanie ein Plakat und klebt es an die Haustür: Viel Glück im Kindy!
Gemeinsam gehen wir los. Dark Vader läuft still neben mir. Bin ich schlechter als andere?, fragt sie mich plötzlich. Weil, ich hab das ja nicht geschafft. Ich denke rechtzeitig daran, dass mich der Ire darauf aufmerksam gemacht hat, ich solle nicht immer sagen, Schule sei eh nur Mist und würde keinen interessieren. Genau so bist du richtig, sage ich ihr. Ich will es aber doch richtig machen, flüstert sie. Das machst du, sage ich ihr. Manchmal klappt was nicht, obwohl man alles gibt - dann versucht man eben was anderes oder versucht es anders.
Rate mal, was du heute zum Lunch dabei hast?! Davon lässt sie sich ablenken und trottet versöhnt neben Beanie her. Ich gehe hinter den Beiden und betrachte die zwei pinken Rucksäcke dieser ungewöhnlichen Kinder. Manchmal klappt es einfach nicht, Vaderchen. Das ist nicht schlimm und du bist trotzdem die Größte.

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