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Ich glaube, es löchert.

von Edda

War der Nikolaus schon da, fragt Elly vorsichtig. Vom Kind sieht man nur einen wilden Haarbüschel oberhalb eines Sofakissens. Er und Dark Vader haben sich schwer bewaffnet (Holzschwert, Besenstiel, leere Klorolle) hinter einer Kissenburg verbarrikadiert und warten darauf, dass ein fieser alter Mann mit Bart in ihr Zuhause eindringen möchte, um - Achtung - Geschenke abzuladen. Der macht doch nichts, erklärt der große Bruder. Der will nur Schoko bringen, Elly, Schookoooo. Kann ja jeder kommen, murmelt mein kleiner Sohn, und blinzelt ums Kisseneck. Es sind die Tage der Verwirrung und man merkt uns an, dass die Wände unserer Welt etwas wackeln.

Losgetreten hat es allerdings Dark Vader, die gerne Löcher möchte. Löcher, Schatz? Welche im Kopf, antwortet das Kind. Ohrringe? frage ich sie hoffnungsvoll. Darf ich auch in der Nase, fragt die zurück, am liebsten in der Mitte zwischen den Nasenlöchern. Nee, sage ich, mach doch erstmal im Ohr.
Die nächsten Stunden verbringen die Kinder damit, sich mit allen möglichen Gegenstände zu pieken, um herauszufinden, wie sich das mit den Ohrringen anfühlt. Fazit: Ohrringlöcherstechen liegt irgendwo Schaschlikspieß auf Zunge und Glitzerkleberspritzaufsatz in Babyhintern, wobei der Babyhintern nicht näher befragt werden konnte, denn er ist weinend unter das Sofa gekrabbelt. Lasst das Baby in Ruhe, empfehle ich, die lässt sich Backenzähne wachsen und das ist ungefähr so, als würde man dir mit einem per Katapult abgeschossenen Kochlöffel die Ohrläppchen an die Wand nageln. Mach mal, sagt Dark Vader, Elly hat gerade sowieso nichts Anderes zu tun.

Seit Dark Vader mit den Löchern angefangen hat, spüren wir sie alle: die Löcher in unseren Köpfen, Bäuchen und Herzen. Wir vermissen unseren Iren, verabschieden Freunde, Lieblingsmenschen, erleben jeden Anlass zum letzten Mal. Elly geht zum allerletzten Mal in die Kita und bringt Lebkuchenherzen mit. Schreib auf das da: Für Frau Kinderaufpasser. Die heißt doch aber nicht Frau Kinderaufpasser, sondern Martina, sage ich ihm. Doch, Mama, doch heißt die so. Ah, sage ich und murkse die Namen tapfer weiterhin auf Herzen. Blöd, hätte ich mal lieber nach einer Namensliste gefragt, anstatt mich auf die Aussagen eines Dreijährigen zu verlassen. Aber "Pilz" heißt doch wirklich niemand bei dir in der Gruppe!!!! Doch, Mama, schreib: Für meinen schönen Freund Pilz. Ich liebe Dich, Dein Elly. Aber schreib ein bißchen schöner, sonst kann der Pilz das nicht lesen.

Beanie versemmelt die erste Lernüberprüfung seines jungen Schülerlebens. Nur 11 von 14 möglichen Punkten - daraufhin legt sich das Kind nachmittags um 15 Uhr ins Bett, kündigt an, nie wieder aufzustehen und schließt die Tür hinter sich. Nach einer halben Ewigkeit (oder 3 Minuten Death Star-Zeit) schreitet Dark Vader ein. Mit festem Schritt stürmt sie das Stockbett, auf dem ihr Bruder aufgebart liegt. Da scheissen wir doch drauf, erklärt sie ihm mitfühlend. Ähem, räuspere ich mich in der Küche. In Australien braucht man den Quatsch sowieso nicht, da laufen wir den ganzen Tag nackt rum, denn wir haben ja nie wieder Kleiderschränke und wir essen nur noch gehackte Schlange. Oma hat ja der Mama schon das Buschmesser geschickt. Äaahchäähhhahaäächch, keuche ich aus der Küche. Ich bin auch erkältet, Mama, tröstet mich Dark Vader von unten. Ich kann dir aber gerne mit deinem Kochlöffel-Katapult die Nasenlöcher freischießen.

Der temporäre Kapitän, Steuermann, Schiffsjunge und Smutje dieses wackligen Familien-Tankers bin ich in Personalunion. Tretboot in Seenot trifft es derzeit wahrscheinlich besser und dass es hinterm Horizont weitergeht, halten wir alle momentan für Fake News.  Mit Loch im Bauch und Loch im Herzen stehe ich auf der Schiffsbrücke und versuche, uns auf Kurs zu halten. Vorwärts, hätte mein Opa gesagt. Noch einen Tag, motiviere ich meine Herde. Noch einen und dann noch einen. Wieviel Tage hat denn dieser eine Tag noch, verdammt nochmal, fragt Elly.

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