Neulich mußte ich meine Mama anrufen: "Mama" habe ich am Telefon gesagt "Mama, ich hab so Heimweh."
Heimweh ist mein zweiter Vorname, seit ich mit 12 Jahren zum ersten Mal alleine auf Sprachreise nach England gefahren bin und abends mit meiner Gastfamilie im Wohnzimmer Werbe-Kugelschreiber in Heimarbeit zusammengeschraubt habe. Ich bin keine 12 Jahre mehr, dafür mittlerweile 37 - aber mein Heimweh läuft seither neben mir her wie ein alter, zotteliger Hund mit grauen Schnauzhaaren. Ich habe in mindestens 30 Wohnungen gelebt, Länder gewechselt, Jobs, Partner, Lebensvisionen, Haarfarben, Kleiderstile und heimliche Sehnsüchte ausgetauscht, aber oft überkommt mich das Gefühl, als müsste ich ins Auto/Zug/Flieger steigen und heimfahren. Wenn zu Weihnachten "Driving home for Christmas" im Radio läuft, breche ich in Tränen aus. Und das ist während der Vorweihnachtszeit oft.
Dabei ist der Ort, aus dem ich komme, nicht das Paradies und selbst ich schaffe den Verklärungsschritt zu Bullerbü im Nachhinein nicht: Frankfurter Vorort, 80er Jahre Bausünden, zubetonierter Marktplatz, Eisdiele mit Spaghetti-Eis, Einfamilienhaus, sonntägliche Langeweile, Einzelkind. Das ist objektiv nicht das Paradies. Subjektiv aber schon. Es ist nämlich auch der Ort des sommerlichen Gurken-Schrubbens im Garten meiner Großeltern, die schwielige Hand meines Opas um meine, die Stimme meines Papas, der Geruch meiner Mama - mein kleiner Kindheitsmikrokosmos, der in seiner Überschaubarkeit und Sicherheit wie ein Ein-Mensch-Zelt den Rest draußen gelassen hat. Noch einmal habe ich mich so gefühlt. Damals, als ich Studienabschluß und Berufseinstieg einfach mal ins selbe Jahr gelegt habe und nach der letzten Prüfung so ausgebrannt war, dass meine Mama mich mit dem Auto abholen und zum Arzt fahren musste. Da habe ich eine Woche wieder im Kinderzimmer gewohnt und jeden Tag dieselbe riesige Strickjacke meines Vaters angezogen. Und nichts gemacht außer geheult und Spaghetti-Eis gegessen.
Wenn ich könnte, ich würde diese Tage in Einmachgläser packen und die eingelegten Gurken meines Großvaters noch mit dazu. Aber mein Opa ist längst tot und ich lebe seit 9 Jahren im Ausland. Als ich das letzte Mal seit ewiger Zeit in Frankfurt am Hauptbahnhof stand, war da ein Parkhaus, wo vorher nichts war. Und ich habe den Ausgang nicht auf Anhieb gefunden. Ich bin da nicht mehr daheim. Aber woanders auch nicht, wo ich keine Strickjacke wie ein Ein-Mensch-Zelt um mich spannen kann.
"Dann komme doch mal heim, Kind" sagt meine Mama. Aber zwischen daheim und hier liegen viele Kilometer und vier Kinder, die verpackt werden wollen. Und mehr Benjamin Blümchen-Folgen, als mein Gehirn es aushält.
Ich bin ein Abenteurer. Ich würde gerne viel und gleich und ganz schnell. Ich bilde mir noch immer ein, dass die Welt nur auf mich wartet und wenn sie es nicht tut, dann nur, weil sie zweifellos schlecht informiert ist. Aber jetzt gerade würde es mir besser gehen, wenn ich heimkönnte. Morgen fahre ich, vielleicht.

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