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Dark Vader zieht aus

von Edda

Dark Vader möchte ausziehen und zwar aus dem gemeinsamen Kinderzimmer. Sie sei jetzt groß, würde in den Ferien allein zu den Cousins verreisen und habe auch schon sehr lange nichts Wesentliches mehr im Kindergarten liegenlassen (ich bin kleinlich genug, um an dieser Stelle nicht von den diversen Sonnenhüten, Schuhen, Rucksäcken, Lunchboxen, Gummistiefeln etc anzufangen - wohl aber daran zu denken). "Nichts Wesentliches" bezieht sich wahrscheinlich darauf, dass Dark Vader schon lange nicht mehr vergessen hat, selbst heimzukommen. Wie auch immer, das Kind möchte ausziehen. Beanie ist tief getroffen und in seinen groß-brüderlichen Gefühlen verletzt. Wieso die das denn jetzt wolle, fragt er mich. Dark Vader antwortet selbst und erklärt, sie möchte eben auch mal eine Tür hinter sich zumachen können. Jetzt werden bei uns daheim nur selten Türen hinter Leuten zugemacht, weil das mit Todsicherheit einfach nur bedeutet, dass sich ein anderer dazu aufgerufen fühlt, die Tür von der anderen Seite gleich wieder aufzumachen. Das gilt insbesondere für Klotüren und führt bei meinem Vater regelmäßig zu ernsthaften Verstopfungen, wenn er uns besucht.

Wir sind aber nun Eltern, die Herzenswünsche gerne zeitnah erfüllen, sofern wir das irgendwie können. Und da sich gerade kein Besuch ankündigt und wir nichts Besseres zu tun haben, räumen wir das Gästezimmer aus und erklären Dark Vader, dass sie dieses Zimmer haben könne. Der Gästekleiderschrank wird mit Super Mario-Unterhosen und Star Wars-Shirts befüllt und Dark Vader's Kreativzentrale wird umgeräumt - bestehend aus ihrem Schreibtisch und einem rollbaren Schubladenelement voll mit Glitzerkleber, Scheren, Sticker, Papier, Stiften diverser Art und lauter geklauten Sachen von Beanie. Es handelt sich hier um ihre ganz eigene Variante des Death Stars allerdings mit einem ähnlich gelagerten Zerstörungsradius. Ich habe schon Glitzerkleber von Orten entfernt, die mir für Kinderhände unerreichbarer schienen als jede far away galaxy.

Dark Vader zieht also ein, zusammen mit Hasi, dem Death Star und ihrer Verkleidungskiste. In der ersten Woche schwebt sie im siebten Himmel und macht ungefähr tausend Mal am Tag ihre Zimmertür zu. Im Feenkostüm und mit Laserschwert in der Hand. Ihre Geschwister sind eher unbeeindruckt: Beanie ist beleidigt, Elly hat das untere Stockwerk-Bett übernommen, ist zutiefst glücklich, weigert sich dafür aber jetzt, überhaupt aufzustehen und das Baby bekommt ein Zahn und ist daher anderweitig beschäftigt.

Eines Abends kann Dark Vader dann nicht einschlafen. Sie müsse nachts arbeiten, sagt sie. An ihrem Schreibtisch. Deswegen soll das Licht anbleiben und sie würde dann aufstehen, wenn alle ins Bett gehen. Dann macht sie die Tür zu.
Als ich später nach ihr schauen will, liegt sie zusammengerollt in der äußersten Bettecke und hat den Hasi fest um sich gewickelt. Im Zimmer ist sowohl Deckenlicht als auch Schreibtischlampe an und es herrscht eine Helligkeit wie an einem Sommertag um 15 Uhr.

Dark Vader hat dunkle Ringe unter den Augen. Was denn sei, frage ich sie. Nichts, sagt das Kind und hüpft davon. Abends sitzen der Ire und ich in unseren freien 10 Sekunden auf der Couch. Da geht unten das Bewegungsmelder-gesteuerte Flurlicht an. Und wieder aus. Und wieder an. Und aus. Und an. Schleicht da wer, rufen wir nach unten. Dark Vader piepst. Es ist halb zehn und somit eine Uhrzeit, in der sie von der Übernahme der Weltherrschaft träumen sollte. Aber sicherlich keine Stroboskop-Effekte mit dem Flurlicht erzeugen. Sie will noch eine Bibi Blocksberg-Folge hören. Nein, lieber Musik. Sie könne nicht schlafen. Dann flutet Beach House das kleine Kinderzimmer und nimmt Dark Vader endlich mit in den Schlaf.

Dark Vader sitzt beim Frühstück und ist sehr blass und sehr durchscheinend. Sie mümmelt am Toast und Hasi lässt die Ohren hängen. Was denn hier los sei, will ich jetzt doch mal genauer wissen und nehme mir vor, sie nicht weghüpfen zu lassen. Wieso eigentlich können Kinder gefühlte dreiundzwanzig Stunden am Tag quatschen und sagen einem dann doch nicht, was zur Hölle mit ihnen passiert. Dark Vader mümmelt weiter. Sie hätte heute nacht Hunger gehabt, sagt sie.
Also packe ich am Abend Reiswaffeln in eine Tupperdose und stelle sie dem Kind ans Bett. Ich bin solche Schrullitäten schon gewöhnt und erinnere mich an die Phase, als Beanie davon überzeugt war, dass er Hungers sterben werde. Über Nacht. Und deswegen wochenlang nachts immer mal eine Reiswaffel essen musste. Vom Gemampfe und Geknurpse sind wir manchmal sogar wachgeworden.
Als ich an diesem Abend um zehn Uhr ins Bett gehe, finde ich Dark Vader wach im Bett, sie hat die ganze Reiswaffel-Dose leergegessen und sieht aus, als würde sie sich überlegen, was sie jetzt noch so machen könnte.

Dann kommt der Abend des WM Halbfinales zwischen Frankreich und Belgien, das Beanie gemeinsam mit uns anschauen darf. Er sitzt wie der König auf der Couch, verteilt Popcorn um sich herum und hat sich fest in meine allerbeste Wolldecke gewickelt. Also die Decke, die ich hartnäckig den Kindern gegenüber verteidigen wollte, weil es eben auch mal schön ist, wenn irgendwo kein Glitzerkleber drauf ist (s.o.). Kurz vor Ende der ersten Halbzeit platschen Füße um die Ecke: Dark Vader steht im Halbschatten und schaut um die Ecke. Hasi hat sie sich unter den Arm geklemmt, ihr Gesicht ist neon-weiß und unter den Augen hat sie schwarze Balken. Sie könne nicht schlafen, flüstert sie und Hasi schaut bekümmert. Beanie macht Platz auf der Couch, aber Dark Vader bewegt sich nicht. Da holen wir sie ab, wickeln sie fest in eine Decke (ich bin die Königin der Schals & Decken und ebenfalls eine ganz große Selbst-Wicklerin) und setzen sie neben den großen Bruder. Dark Vader könne ruhig ganz nah kommen, erklärt Beanie und schmiert mir bei der großzügigen Handbewegung gleichmal einen Fettfilm auf die schöne Decke. Die macht sich klein, rutscht nach und versinkt in der Couch. Ob sie was essen wolle, fragen wir sie. Da mampft Dark Vader glücklich an den großen Bruder gelehnt Popcorn, schaut Fußball und hat so gar nichts zu sagen.

Dann ist das Spiel vorbei und Hasi lässt die Ohren hängen. Ob Dark Vader ausnahmsweise mal mit im großen Kinderzimmer schlafen möchte? Wir wüssten ja, dass sie groß ist und sehr gut alleine klarkommt. Aber Beanie wäre doch bestimmt jetzt sehr traurig, wenn sie wieder verschwinden würde. Der weltbeste große Bruder rollt die Augen und schnaubt entnervt - sagt aber nichts, was wir ihm hoch anrechnen. Wenn sie Beanie eine Freude machen würde, dann könnte sie das ja ausnahmsweise und ihm zuliebe tun. Spricht's und liegt schon in ihrem ehemaligen Bett. Da allerdings liegt schon ein anderes nicht-kleines Kleinkind drin und wir können uns die nächtliche Elly-Sirene sehr gut vorstellen, wenn er Eindringlinge in seinem Bett vorfindet. Also legen wir Elly ans Fußende und Dark Vader ans Kopfteil, die Füße einander zugewandt. Hasi seufzt zufrieden, schmatzt am letzten Popcorn und ist schon eingeschlafen. Dark Vaders Augen sind riesig in der Dunkelheit, als ich mich zu ihr beuge. Alles gut, Schatz? Das kleine, große Mädchen nickt. Jetzt ist sie keine Amazone, kein zukünftiger Präsident der Vereinigten Staaten und auch keine im Garten lebende Künstlerin - sie ist einfach ein todmüdes Mädchen. Beanie?, fragt sie. Der murmelt eine Antwort. Aber da ist Dark Vader schon eingeschlafen.

Epilog.
Dark Vader ist selbstverständlich nicht ins große Kinderzimmer zurückgezogen. Sie hat uns erklärt, sie würde jetzt jeden Tag neu entscheiden, wo sie schlafen möchte. Beanie hat leise gelacht, Elly hat geheult und einen Sitzstreik in seinem Bett in Aussicht gestellt und das Baby hat seinen neuen Zahn befühlt. Also haben wir die Gästematratze im Zimmer aufgebaut. Und ich verrate nicht, wie oft Dark Vader bisher da geschlafen hat.

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