Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, das weiß ja nun nicht nur Hesse, sondern eigentlich jeder. Eltern insbesondere. Erste Schultage, erste Kindergartentage, erste Tage in der Kita. Herrlich! Vor lauter Zauber kann man sich praktisch nicht mehr einkriegen, mir wächst bei soviel Glück direkt ein Einhorn-Horn und aus meinem Hintern regnet es Konfetti. Also: mindestens.

Wo fängt man bei sovielen Anfängen an zu berichten? Elly geht seit Neuestem in die Kita und das ist ein großer Anfang, was er selber auch spürt. Und dementsprechend lautstark untermalt. Man fragt sich ja schon, warum Kinder bei Überforderung immer so rumbrüllen müssen. Die sind doch klein und könnten daher eigentlich niedlich aussehend mit plakativem Schmutzstreifen und sauberen Gummistiefeln im Sandkasten sitzen. Und Dinkelkekse essen. Stattdessen randaliert sich Elly in dieser neuen Lebensphase quer durch die Nerven seiner Eltern und Geschwister. Dabei sollte er doch wissen, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt!! Und sich doch bitte dementsprechend ehrfürchtig benehmen. Stattdessen hole ich ein mürrisch dreinblickendes Kind nach der Kita ab. Und? Wie war so der Tag? Er habe mit niemandem gespielt und nichts Tolles erlebt. Gegessen habe er auch nichts. Und beim Rest hätte er nicht mitgemacht, teilt er mir mit. Wie schön, antworte ich, denn Optimismus ist erste Elternpflicht. Gehst du morgen wieder hin? Nur, wenn ich da nicht aufräumen muss, sagt der Zwerg.

Dark Vader hingegen genießt den Zauber des Anfangs in vollen Zügen. Sie gehöre jetzt zu den Großen, wird mir erklärt. Da müsse man nett zu den Kleineren sein und solle ihnen doch bitte nicht mit der Bastelschere in die Gummistiefel schneiden. Bevor ich fragen kann, ob sich die Kindergartenlehrerin dieses Beispiel frei ausgedacht hat, ist Dark Vader trällernd von dannen gehüpft.
Später sagt sie mir, dass sie jetzt in der Pause immer mit Tim und Floating Device und dem Bagger spielen könne, denn sie sei jetzt bei den Großen und aber auch gar keiner dürfe sie mehr dazu zwingen, in der Baby-Ecke zu spielen. (Floating Device ist ein Junge aus Dark Vaders Kindergarten, der eine tolle Schwimmhilfe in Form einer Haifischflosse hat und der uns darauf angesprochen erklärt hatte, das sei eben keine echte Haiflosse, sondern ein Floating Device. Wahrscheinlich ist er verzweigt mit den Royals verwandt oder so).
Während Dark Vader also den einen Anfängen durchaus verzaubert gegenübersteht, treiben sie andere Anfänge in die nackte Verzweiflung. Dark Vader soll Ukulele lernen und findet, dass ihre Finger falsch angewachsen sind. Wieso sind Sachen am Anfang schwer, fragt sie mich. Kann man nicht stattdessen da anfangen, wo man es schon kann?


Und noch jemand müht sich mit den Anfängen ab. Beanie wollte nach den Ferien schon überhaupt nicht in die Schule gehen: mehr Nachmittagsunterricht, ein neuer Mitschüler, Blockflötenunterricht, Socken anziehen, alles Mist. Direkt in der ersten Woche knallt es: Beanie stresst sich, pünktlich in die Schule zu kommen, dann fällt die Lunchbox aus dem Ranzen, das Hausaufgabenblatt ist geknickt, die Schuhe an seinen Füssen sind blöd, die Socken stören und überhaupt gebe es jetzt Noten in der Schule und er wolle da nicht hin. Blöde Schule, Drecksleben, Arschgeschwister. Das Kind sitzt auf der Treppe und weint. Ich fange ausnahmsweise mal nicht von den Zaubern des Anfangs an, weil mir das zitternde und weinende Kind ohnehin nicht zuhören würde. Ich denke an die Familie, die vier Jahre lang mit zwei kleinen Kindern die Welt umsegelt hat. Einfach von Tag zu Tag, Land zu Land, Jahr um Jahr und immer dem Wind entlang. Und ich mache, was man eben so macht und lasse das Kind daheim. Scheißschule, denke ich mir, mein Kind kriegst Du heute nicht. Die Zieherei am Kind ist unerträglich, wenn man sich das mal von draußen betrachtet. Gemäß Jobprofil muß ich solche Phasen zwar aushalten und an die Durchhaltefähigkeit des Menschen appellieren, in der Realität finde ich es aber unerhört, von Kindern zu erwarten, dass sie Kram durchhalten, der irgendwo einen Fehler im System hat. Ich wende mich also an den schulpsychologischen Dienst. Und so was geht hier in der Schweiz schnell, unbürokratisch, niederschwellig und ohne, dass man die blöden Lehrer überhaupt einbeziehen muss. Beim telefonischen Vorgespräch erkläre ich der Psychologin, dass Beanie ein Ausmaß an Stress hat, dass man fast glauben müsste, die Last der Welt liege auf ihm. Und dass ich ihn gerne immer daheim lassen würde, damit aber nur situativ entlaste - den Knoten in ihm aber nicht lösen kann. Ja, mit der Lehrerin hätte ich schon mehrfach gesprochen, die hatte aber an Hilfreichem nur beizutragen, dass Linus doch ohnehin ein super Schüler sei, weit voraus, und sie sich nicht erklären könne, was ihn da beschäftige.

Ein paar Tage später also gehen Beanie und ich gemeinsam zum psychologischen Dienst und finden, dass es befreit, wenn man sich Hilfe sucht. Man kann nicht alles wissen, nicht als Mama und nicht als Beanie. Und vielleicht weiß es dann jemand anders. Die Psychologin spricht lange mit dem Großen, fragt, hört zu, fragt nochmal nach. Wie oft er denn zu spät komme? Null mal, sagt das Kind. Und im letzten Schuljahr? Und vielleicht nach der großen Pause? Null mal, die Antwort bleibt bestehen. Und was am Zuspätkommen so schlimm sei? Dass man schlechte Noten kriege, ein schlechter Schüler sei. Und was denn daran so schlimm sei, ein schlechter Schüler zu sein? Ein schlechter Schüler sei eben auch kein so toller Mensch, sagt das Kind. Ich würde mich an dieser Stelle gerne in den Büromülleimer übergeben. Bitte? Weder der Ire noch ich waren glänzende Schüler. Ich, weil mich Noten schlichtweg erst zu einem Zeitpunkt meiner Schulkarriere interessiert haben, als es eigentlich dann auch egal war. Und der Ire, weil er stinkend faul war. Weder verheimlichen wir diese Tatsachen, noch bauen wir Legenden daraus. Ich behaupte aber, dass wir in der Liga der tollen Menschen schon irgendwie mitspielen. Vielleicht sind wir nicht direkt Liverpool FC - aber auch nicht Manchester United, um es mal auf den grünen Rasen zu heben. Woher zur Hölle kommt also die irregeleitete Meinung, man sei nur was, wenn man gute Bewertungen einfährt? Innerlich habe ich bereits das Segelboot gekauft, alle Kinder aus schulischen Institutionen entfernt, die Bude verkauft und bin abgereist. Vielleicht sollte ich vorher mal einen Segelschein machen, wäre nicht schlecht.


Nach fast 90 Minuten ist Beanie müde und kann nicht mehr reden. Dann gehen wir heim, haben Ziele und Strategien mit der Psychologin angeschaut und sind erleichtert, weil wir mal kurz nicht allein verantwortlich waren.
Ich sage ihm, dass ich den meisten seiner Selbsteinschätzungen widerspreche. Dass ich einen wunderbaren, wachen, eigenwilligen und schlauen Geist sehe, wenn ich ihn anschaue. Dass wir ihn sehr lieben. Und wissen, dass das nicht genug ist, um sich auch toll zu fühlen - aber vielleicht ist es ein Anfang.
Innerlich mache ich mir eine Notiz, meinen Kontostand zu prüfen. Segelboote können ja nicht die Welt kosten.

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